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Big Brother is watching you! 21.03.2026 Ein Klassiker ist 2015 in Russland zum Bestseller geworden: George Orwells Roman „1984“ über einen totalitären Überwachungs - staat. Damals wiesen Liberale in Internetforen auf Parallelen zwischen Putins Russland und der Welt in „1984“ hin. Sie äußerten Hoffnung: Wenn die Russen Orwells Roman läsen, hieße das, sie setzten sich endlich mit den Konsequenzen von Putins Macht auseinander. Es blieb beim Konjunktiv. Der Literaturkritiker Pawel Matwejew schrieb bereits 2013 über „1984“: „Obwohl die fiktiven Ereignisse mehr als dreißig Jahre zurück liegen, entsteht der Eindruck, all dies geschehe genau jetzt. (…) Solange die Macht der geheimen politischen Polizei in Russland nicht gebrochen ist, bleibt der wichtigste russische Schriftsteller George Orwell.“ Was man 2015 noch ungestraft in Internetforen veröffentlichen durfte, geht heute in Russland kaum noch und in naher Zukunft gar nicht mehr. Russland ist auf dem Weg zu einem digitalen Überwachungsstaat und einer Beschränkung der Informa - tionsfreiheit auf staatlich kontrollierte Medien. Der russische Staat unter Präsident Wladimir Putin nutzt alle verfügbaren digitalen Technologien, um die Bevölkerung zu verfolgen, zu zensieren und zu kontrollieren. Berichten zufolge gibt es in Moskau 250.000 mit einer Software zur Gesichtserkennung ausgestattete Überwachungskameras in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf den Straßen. Es häufen sich Berichte, dass Metro-Nutzer, wenn sie die U-Bahn verlas - sen, von Sicherheitskräften festgenommen werden, weil sie in einer digitalen Datei staatlicher Überwachungsbehörden registriert sind, aber nicht aktuell einer Straftat oder eines Vergehens bezichtigt werden. Auch in anderen großen Städten sol - len die Menschen durch Überwachungskameras mit Gesichtserkennung identifiziert und ihre persönlichen Daten mit Einträgen in Dateien staatlicher Überwachungsbehörden abgeglichen werden. (Die Gesichtserkennungs-Software mit dem vielsagenden Namen „Orwell“ soll übrigens auch von den Mullahs im Iran eingesetzt werden.) Seit Ende Februar 2026 hat Russland auch das Internet unter Kontrolle. Die bei Russen sehr beliebten Dienste YouTube, WhatsApp und Telegram sind nicht mehr erreichbar. Mobilfunkbetreiber sind jetzt gesetzlich verpflichtet, auf Verlangen des Inlandsgeheimdienstes FSB Mobilfunkverbindungen und stationäres Internet zu sperren. Das Sperren des Internets per Mobil - funk geschieht jetzt immer häufiger. Das führt im Alltag zu vielen Problemen, etwa bei der Nutzung von Navigationssystemen oder dem Bezahlen per Smartphone, und zu entsprechenden Protesten der Bevölkerung. Besonders betroffen sind im übrigen russische Soldaten im Kriegseinsatz gegen die Ukraine. Im Grenzbereich zur Ukraine ist der Mobilfunk generell gesperrt, damit ukrainische Streitkräfte sich nicht einloggen können. Und Elon Musk hat (weshalb auch immer) das von der russischen Armee zur Navigation von Drohnen bisher genutzte Satellitensystem Starlink gesperrt. Verschlüsselten Informationsaustausch per Internet zu überwachen, fiel den russischen Behörden bisher schwer. Jetzt ver - fügt Russland über ein System namens „Deep Packet Inspection“ (etwa »umfassende Paketüberprüfung«). Datenströme im Internet werden in kleinen Paketen verschickt. Das System ist darauf spezialisiert, Spezifika der einzelnen Datenpakete auszu - werten, ohne den verschlüsselten Inhalt kennen zu müssen. Im Ergebnis werden Pakete bestimmter Apps wie eben WhatsApp oder Telegram aussortiert und kommen nie beim Empfänger an. Ergänzt wird diese Methode durch ein nationales „Domain-Name-System“, das menschenlesbare Adressen wie z.B. „www.hanreg.de“ in maschinenlesbare IP-Adressen der Server übersetzt. Russland hat ab 2019 ein staatlich kontrolliertes Spie - gelbild des weltweiten Adress-Systems geschaffen, das international genutzt wird. IP-Adressen werden nicht mehr über das weltweit operierende internationale System aufgelöst, sondern über das nationale System. Wer den Namen einer Website im Browser eingibt, die im nationalen System nicht existent ist, also gelöscht (= gesperrt) wurde, bekommt die Rückmeldung, dass diese Domain nicht existiert – obwohl sie im World Wide Web weiterhin registriert ist und aufgerufen werden kann. Die russischen Behörden rechtfertigen diese Eingriffe mit dem Argument der nationalen Sicherheit. Sie führen Gründe wie den Kampf gegen Kinderpornografie, den Schutz von Personendaten oder die Abwehr von Bedrohungen durch ukrainische Drohnen an, die das Mobilfunknetz zur Navigation nutzen könnten. Doch im autoritären Russland dienen sie vor allem als Vorwand, um eine Infrastruktur der totalen Kontrolle zu etablieren. Sicherheit wird als die absolute Kontrolle über den Informationsfluss definiert. Jegliche digitale Kommunikation soll in Russland künftig über das Netzwerk „VKontakte“ oder die Super-App „VKMax“ laufen. VK Max ist eine App, die Chats, Video- und Audioanrufe, kurze Videobotschaften, Geldtransfers, einen KI-Assistenten, Mini- Apps und Chat-Bots sowie die Integration mit den russischen Behördendiensten „Gosuslugi“ bietet. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis VKMax auf allen Smartphones in Russland installiert ist.