© Gerhard Meyer
Russische KI Wer schon immer meinte, ich hätte eine Meise, mag sich bei Betrachtung des Kurzvideos bestätigt fühlen, das durch Klicken auf das Symbolbild mit der Meise startet. Wer sich das Kurzvideo durch Klicken auf das Symbolbild mit dem Bären anschaut, wird vermutlich denken: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Richtig, das ist auch nicht wahr! Beide Kurzvideos sind Fake-Videos mit einem Avatar von mir. Sie sind mit einer KI des rus - sischen sozialen Netzwerks „VK.com“ generiert. VK ist die Abkürzung von „Vkontakte“ („ ВКонтакте = „In Verbindung“) und die russische Antwort auf Facebook & Co. Das soziale Netzwerk verfügt über einen eigenen Musik-Streaming-Dienst, Video-Hosting, eine Spieleplattform und eine große Anzahl von Diensten und Mini-Apps. Das Netzwerk ist in Russland sehr verbreitet, denn es bietet eine ungestörte Nutzung der angebotenen Dienste. Ansonsten betreiben die russischen Behörden eine massive Zensur im Internet, drosseln Websi - tes und Online-Plattformen, die sie als subversiv einstufen, und führen zunehmend willkürliche und immer umfangreichere Internetabschaltungen durch. Die Russen sind es gewohnt, dass jegliche Kommunikation über das Internet oder per Mail automatisiert überwacht wird. Man muss also aufpassen, was man schreibt oder sagt. Ich habe kürzlich in einer Mail nach Russland einen Link zu einem kurzen Geburtstagsvideo auf Youtube geschickt. Die Mail ist nicht zugestellt worden. Ich habe meine Frau daraufhin gebe - ten, das Video über VK zu senden, was keine Probleme bereitete, da das Video „sauber“ war. Es lag also nur an der Blockade von Youtube. Beliebt sind in Russland auch die Messenger WhatsApp und Telegram, weil sie verschlüsselte Kommunikation ermöglichen. Sie werden aber nach und nach von der neu eingeführten russischen Messenger-App „MAX“ abgelöst. MAX soll in Zukunft als digitale Plattform für eine universelle mobile Anwendung (Super-App) als soziales Netzwerk und digitale staatliche Anwendungen entwickelt werden. Man kann heute in Russland ein neues Smartphone nur noch mit vorinstallierter und nicht löschbarer App MAX kaufen. Da man SIM-Karten ohnehin nur mit Passvorlage und staatlicher Registrierung erwerben kann, wird damit eine vollständige digitale Kontrolle der russischen Bürger nach chinesischem Vorbild möglich. Zurück zu den Fake-Videos. Diese lustigen KI-generierten Videos sind nur ein Test, was mit der KI möglich ist. Was aber hat man sich bei dem Video mit dem russischen Bären gedacht? Ist das nur ein Spaß? Oder steckt hier auch eine propagan - distische Absicht dahinter? Etwa: „Niemand muss sich vor dem russischen Bären fürchten. Er ist freundlich zu allen Menschen.“ Nun, die politische Realität sagt etwas anderes. Ausschließen möchte ich, dass der Bär mich umarmt, weil er mir verzeiht, dass ich bei einem früheren offiziellen Besuch in Russland Bärenfleisch gegessen habe, obwohl ich die Bärenjagd ablehne. Aber als offizieller Staatsgast hat man keine Chance, sich einem Mahl zu seinen Ehren zu verweigern. Ich muss allerdings gestehen, dass es mir gut geschmeckt hat. Nun, die Begebenheit war der KI wohl nicht bekannt. Bemerkung am Rande: Das russische Wort für „Bär“ ist медведь („Medwed“). Der frühere russische Ministerpräsident und für eine Interimszeit Präsident von Putins Gnaden hört auf den Namen медведев („Medwedew“) und ist heute stell - vertretender Leiter des Sicherheitsrates der Russischen Föderation. Bekannt ist er bei uns jetzt allerdings mehr als Putins Wadenbeißer, Moskaus Mann fürs Grobe mit wüsten Ausfällen gegen den Westen. Er könnte als Inbegriff eines militanten russischen Bären gelten. Nomen est Omen? Was mir nicht gefällt, ist, dass mein Avatar jetzt bei VK gespeichert ist und mit Hilfe der KI auch missbraucht werden könnte, angeblich von mir gesprochene, propagandistische Fake-Informationen zu verbreiten.