© Gerhard Meyer
Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine 26.02.2026 Wenn Russen Gäste einladen, wird zum Abschied in der Regel ein letztes Glas Wodka mit dem Trinkspruch „Na Pasatschok“ („für den Weg nach Hause“) getrunken und als Abschluss Tee mit einem Stück Torte gereicht. Torte heißt für Russen Creme- oder Sah - netorte. Sie wird selten selbst gebacken, sondern in der Regel tiefgefroren in einer Konditorei oder im Supermarkt gekauft. Bei meinem letzten Besuch in Perm 2017 habe ich meine Stieftochter bei einem Einkauf im Supermarkt begleitet. Auf dem Ein - kaufszettel stand auch Torte für den Abend. Ich bin kein Freund von den russischen Creme- oder Sahnetorten. Am besten hatte mir bisher eine spezielle Nusstorte geschmeckt, die ich bevorzugt gekauft hatte und die ich auch meiner Stieftochter zum Kauf empfohlen habe. „Nein, die möchte ich nicht“, antwortete sie, „das ist eine ukrainische Torte. In letzter Zeit wird so viel Negati - ves über die Ukraine berichtet. Wer weiß, ob alle Zutaten gesundheitlich unbedenklich sind.“ Ich war sprachlos. Mir war zwar aufgefallen, dass in den russischen Medien immer öfter von unterdrückten und bedrohten Russen im Donbas berichtet wurde. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass eine selbstbewusste moderne Frau mit Universitäts-Abschluss sich dermaßen von der russischen Propaganda hat beeinflussen lassen. Das politische Muster der Propaganda entsprach exakt dem Vorgehen, dass Russland bereits vor dem Zweiten Tschetschenienkrieg und dem Georgienkrieg angewandt hatte, um die russische Bevölkerung auf ein militärisches Eingreifen in einem souveränen Staat vorzubereiten: Man müsse die unterdrückten russischen Landsleute befreien. Die Doktrin „Russland ist, wo Russen leben“ dient Wladimir Putin als ideologische Rechtfertigung, Einfluss im postsowjetischen Raum auszuüben. Eine Identifikation über Kultur, Sprache und Abstammung wird genutzt, um die Interessen Russlands über die Staatsgrenzen hinaus zu verteidigen. Putin hat mehrfach betont, ein Ende des Krieges komme nicht infrage, solange die „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine nicht beendet sei. Er hat zu Beginn des Krieges drei Ziele verkündet: Demilitarisierung der Ukraine, "Entnazifizierung" des Landes und Annexion der Separatistenregionen Donezk und Luhansk. Demilitarisierung und "Entnazifizierung" sind unerreichbare Ziele. Von den vier ukrainischen Oblasten Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja, die Russland als „eigenständige Föderationssub - jekte“ der Russischen Föderation zugehörig proklamiert hat, ist nur Luhansk vollständig russisch besetzt. Die anderen Oblaste sind es nur teilweise. In den laufenden Friedensverhandlungen steht die Zukunft der vier Oblaste im Mittelpunkt. Russland besteht auf deren Abtre - tung, die Ukraine lehnt eine Abtretung nicht besetzten Staatsgebietes strikt ab. Um das Leid der ukrainischen Bevölkerung durch beständige Zerstörung ziviler Infrastruktur mit vielen Toten und Verwundeten durch Raketen, Drohnen und Gleitbomben zu been - den, wäre die Ukraine wohl zu Gebietsabtretungen im Donbas bereit, wenn ein dauerhafter Frieden durch wirksame militärische Absicherung gegen Angriffe Russlands mit Hilfe der USA und Europa erreicht werden kann. Putin spielt auf Zeit, wenngleich sich Russland den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine wirtschaftlich und wegen der enormen Ver - luste der Armee nicht mehr lange wird leisten können. Trump dagegen ist an einem schnellen Friedensschluss vor den Midterm- Wahlen in den USA interessiert. Es geht dem US-Präsidenten in Europa nicht um Demokratie gegen Diktatur, um Menschenrechte oder Unterdrückung. Sondern um einen möglichen Profit, der gemeinsam mit Russland zu machen ist. Trumps Unterhändler Witkoff ist kein Diplomat. Er ist Geschäftsmann wie Trump und seine Verhandlungsmaxime ist, dass immer und überall ein Vorteil, ein Profit herauszuschlagen ist. An seiner Seite Trumps Schwiegersohn Kushner, der darauf achtet, dass das Familienimperium finanziell angemessen beteiligt wird. Auf russischer Seite verhandelt Kirill Dmitrijew, Putins Sonderbeauftragter für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Aus - land. Er hat in Stanford und Harvard studiert, war als Investmentbanker bei Goldman Sachs tätig und ist seit 2011 Chef des staatlichen russischen Auslandsinvestitionsfonds. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Trump und Putin ohne Rücksicht auf ukrainische und europäische Interessen einen für beide Staaten wirtschaftlich vorteilhaften Diktatfrieden vereinbaren, den beide Präsidenten ohne Ansehensverlust in ihren Staaten vertreten können. Insbesondere für Putin wäre es wichtig, in Russland einen Erfolg vorweisen zu können, der ein vorzeitiges Ende der „Militärischen Spezialoperation“ ohne Erreichen der Ziele rechtfertigt. Denn die russische Bevölkerung befürwortet nach wie vor mehrheitlich den Krieg, wenn auch nicht unbedingt des Krieges und der Kriegsziele willen. „Da wir den Krieg angefangen haben, müssen wir ihn auch siegreich beenden,“ ist die vorherrschende Meinung. Denn die Russen sehen sich als heroische Nation, die bisher alle Kriege siegreich beendet habe (trifft nur auf einige historisch bedeutsame Kriege zu, aber nicht auf alle Kriege).