© Gerhard Meyer
Ihr Verhältnis zu Europa haben die USA mit ihrer jüngsten Nationalen Sicherheitsstrategie neu definiert. Deren Bewertung überlasse ich (ausnahmsweise) Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der Atlantikbrücke: * „Die USA nutzen nun ihre wirtschaftliche und technologische Stärke als Machtinstrument, auch gegenüber Verbündeten. Gut 80 Jahre nachdem die Vereinigten Staaten von Amerika sich nach zwei Weltkriegen in Europa als europäische Macht verstanden, um die Wiederkehr von Kriegen auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, endet die Interessensphäre der USA nun am Ärmelkanal. Amerika unter Präsident Donald Trump wandelt sich endgültig von einer globalen Ordnungsmacht zu einem hemisphärischen Imperialismus, der seine Einflusszone in Nord- und Südamerika definiert, Grönland aus strategi - schen Gründen beansprucht und von Europa mal eben noch Großbritannien und Irland als Teil seines unmittelbaren Interessengebiets einbezieht. China bleibt die große Herausforderung, bei der die USA den Einfluss der Volksrepublik mit allen ökonomischen, technologi - schen und gegebenenfalls auch militärischen Mitteln zumindest einhegen will. Russland dagegen wird als erneuerte Großmacht akzeptiert – und Europa im Umgang mit diesem Russland weitgehend sich selbst überlassen. Europa ist endgültig im postamerikanischen Zeitalter angekommen. Ausgerechnet die Nation, die nach den Verheerungen zweier Weltkriege und dem Holocaust die strategische Entscheidung getroffen hat, die europäische Einigung ebenso voran - zutreiben wie den Aufbau einer gemeinsamen militärischen Allianz, der Nato, erklären die daraus entstandene Europäische Union zu ihrem Gegner und will sich aktiv an der Zerstörung des gemeinsamen europäischen Projektes beteiligen. Nicht die Abkehr von ihrer Rolle als europäischer Macht ist das eigentlich Skandalöse dieser Sicherheitsstrategie, sondern die Ankündigung der Einmischung in die Innenpolitik der europäischen Mitgliedsstaaten mit dem Ziel der Zerstörung der Euro - päischen Union. Nichts anderes hat sich Wladimir Putin mit seiner Unterstützung europafeindlicher Parteien auch zum Ziel gesetzt. Mit der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA hält US-Präsident Donald Trump uns Europäern zugleich den Spie - gel vor das Gesicht: wachstumsschwach, innovationsarm, zu bürokratisch, unfähig sich selbst zu verteidigen und durch falsch verstandene Liberalität auf dem Weg durch massenhafte Einwanderung den Charakter einer westlichen Zivilisation zu verlieren. Im Kern aber geht es in der Nationalen Sicherheitsstrategie um amerikanische Interessen und um geopolitische Macht, die sich in bilateralen „Deals“ Donald Trumps materialisieren soll. Internationale und multinationale Organisationen wie die Europäische Union sind dabei von Übel, weil sie das Recht des Stärkeren in diesem Fall der USA begrenzen und Gegen - gewichte in den internationalen Beziehungen sein können. Deshalb unterscheidet die Nationale Sicherheitsstrategie feinsinnig zwischen dem Übel der Europäischen Union und den sie tragenden Staaten, die angeblich die Meinungsfreiheit, Demokratie und Pluralismus verhindern, und einem Europa, in dem wieder „patriotische“ Nationalstaaten den Ton angeben. Letztere sollen durch die USA gestützt und gefördert werden. Kein Wunder, dass die Rechtspopulisten und Europagegner in Parteien wie der AfD, dem französischen RN oder der ungari - schen Fidez ob dieser Aussichten in Jubel ausbrechen.“ * Gastbeitrag von Sigmar Gabriel in der „NP am Sonntag“ vom 22.12.2025 (Auszug)