© Gerhard Meyer
Während lange Zeit der Ausbau von KI-Infrastruktur in den USA und China dominierte, entsteht inzwischen auch in Europa ein Netzwerk aus hochmodernen Rechenzentren, das Europas Wettbewerbsfähigkeit sichern soll technologisch, wirtschaftlich und geopolitisch. Die meisten Rechenzentren in Europa gibt es in Dublin. Dublin ist Europas größter Cloud-Standort, weil hier die amerikanischen Tech-Konzerne Google, Meta und Microsoft ihre europäischen Hauptquartiere haben und von hier über Unterseekabel Daten - ströme zwischen Europa und den USA fließen. Schwerpunkt in Dublin sind Cloud-Anwendungen. Stromknappheit und Netzengpässe lassen einen weiteren nennenswerten Ausbau kaum zu. In Deutschland ist 2026 im Forschungszentrum Jülich Europas erster Exascale-Supercomputer (mindestens eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde) in Betrieb gegangen. Das Forschungszentrum wird zu einem der wichtigsten Knotenpunkte weltweit für KI-Sicherheit und Modelltransparenz ausgebaut. Das Rechenzentrum ist bedeutend für die Entwicklung kritischer KI-Infrastruktur für die deutsche Industrie und hat eine zentrale Stellung in der europäischen Chip-Forschung. Portugal entwickelt sich zu einem der dynamischsten Standorte für KI- und Cloud-Infrastrukturen in Europa. Neue internatio - nale Unterseekabel verbinden Europa direkt mit Südamerika und machen Portugal zu einem strategischen Internetknoten. Portugal erzeugt zeitweise über 100 % seines Stroms aus Wind- und Solarenergie, mit dem KI-Rechenzentren besonders güns - tig und nachhaltig versorgt werden können. Luni in Finnland ist eines der leistungsstärksten Supercomputing-Center weltweit mit Fokus auf KI-Forschung, Klimamodelle und industrielle Anwendungen. Betrieben mit 100 % erneuerbarer Wasserkraft und Kühlung durch finnische Außenluft gilt es als Blaupause für nachhaltiges KI-Computing. In Barcelona ist ein Supercomputing-Center für KI-Modelltraining, Medizinforschung und Quanten-Hybridtechnik entstanden. Dänemark hat in Kopenhagen ein vollständig mit Offshore-Windstrom betriebenes nationales KI-Center für Industrie-KI (Pro - duktion, Energie, Maritime Wirtschaft) gegründet. Schweden betreibt ein Meta-KI-Rechenzentrum in Luleå und ist ein Energiestandort mit extrem günstiger Wasserkraft. Frankreichs KI-Mega-Campus in Paris-Saclay ist Europas ehrgeizigstes akademisches KI-Ökosystem mit einem Schwerpunkt auf KI-Sicherheit und autonomen Systemen. Die Niederlande sind das europäische KI-Datendrehkreuz mit dem Amsterdam Science Park und dem Eemshaven KI-Cluster. Estland baut als „digitale Nation“ schnelle, schlanke KI-Center für GovTec (digitale Technologien für den öffentlichen Sektor), Open Data und Cybersicherheit. Anders als die USA und China legt die Europäische Union Wert auf rechtlich verbindliche Regeln für den Datenschutz. In der EU gilt seit 2018 eine Datenschutzgrundverordnung (DS-GVO), die den datenschutzrechtlichen Rahmen innerhalb der Europäischen Union vorgibt. Ziel der Verordnung ist eine angemessene Balance zwischen Wirtschafts- und Verbraucherinteressen in Zeiten fortschreitender Digitalisierung. Im Mittelpunkt steht das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung durch höhere Transparenz und mehr Mitbestimmung der Bürgerinnen und Bürger über ihre Daten. Gleichzeitig schafft die Verordnung einen zukunftsorientierten Rechtsrahmen für datenverarbeitende Unternehmen und innovative Geschäftsmodelle. Die DS-GVO erfasst auch jedes US-Unternehmen, das entweder Personen in der EU gezielt anspricht oder deren Online-Verhalten in der EU über - wacht, also alle Big-Tec-Unternehmen des Digitalmarktes. Durch eine „Executive Order on Enhancing Safeguards for United States Signals Intelligence Activities“ des ehemaligen Präsidenten Biden und einen „Angemessenheitsbeschluss für den Daten - schutzrahmen EU-USA“ der Europäischen Kommission soll sichergestellt werden, dass die US-Nachrichtendienste nur auf Daten von EU-Bürgern zugreifen können, soweit dies notwendig und verhältnismäßig ist. Ein völkerrechtlicher Vertrag ist dies nicht. Prä - sident Trump könnte die „Executive Order“ jederzeit aufheben. Immerhin hat er bereits Sanktionen angedroht, wenn die EU die Geschäftstätigkeit der amerikanischen Tec-Giganten in Europa beeinträchtigen sollte. Noch ist es ein weiter Weg Europas zu digitaler Souveränität. Das wissenschaftliche Know-how und die technologischen Potentiale sind zweifellos vorhanden. Geopolitisch ist es ein gewaltiger Kraftakt, sich zwischen den beiden Großmächten USA und China in Position zu bringen und zu behaupten. Gelingen kann dies nur, wenn Europa geeint agiert und nationale Egoismen überwindet. Schier unüberwindlich scheint aber das wirtschaftliche, politisch beschützte Potential insbesondere der USA und perspektivisch auch Chinas zu sein. Dennoch: ein Anfang ist gemacht. Nächster und wichtigster Schritt sollte zunächst eine europäische Datensouverä - nität sein, d.h., alle europäischen digitalen Nutzer- und Prozessdaten sollten ausschließlich in Europa gespeichert sein.